Kino Kino

Sandkrug

Bis Anfang der 60er Jahre gab es im Saal des Sandkrugs in Estorf noch einmal in der Woche Kino, mittwochs oder samstags, ich erinnere mich nicht mehr genau. Der erste Film, den ich dort gesehen habe, war aber eine Dokumentation über die deutsche Springreiterei, kurz nach den Olympischen Spielen 1960 an einem Nachmittag von Fritz Thiedemann, Gold mit der Mannschaft, persönlich präsentiert. Der erste Spielfilm meines Lebens, der einzige bei Meyers Karl auf dem Saal, war »Unternehmen Petticoat« mit Cary Grant und Tony Curtis.

Schauburg

Wenn mein Vater gute Laune hatte, war Anfang der 1960er der Sonntag ein Kinotag, dann fuhr er meinen Bruder und mich mit seinem Moped, NSU-Weltmeister, rot, die sechs Kilometer von Leeseringen bis zur Schauburg in Nienburg, erst meinen Bruder auf dem Sozius ein Stück, während ich zu Fuß gehen mußte, dann setzte er ihn ab und er mußte gehen, wendete, holte mich, setzte mich wieder ab, wenn wir meinen Bruder erreicht hatten, immer vier, fünf Etappen, bis wir die Schauburg erreicht hatten. Mein Bruder und ich gingen in die Nachmittagsvorstellung, Hollywood-Western und Abenteuerfilme, an »Taras Bulba« erinnere ich mich noch genau, weil neben mir ein fies grinsender Jugendlicher saß, eklige Frisur, Nackenglatze, das Haupthaar hing strähnig darüber wie bei Riff Raff, nur kürzer, aber auch an »Ben Hur« wegen einiger Szenen, die mich bis heute beeindrucken, mein Vater fuhr dann sofort zurück in eine ungestörte Elternzeit, und holte uns auch wieder ab.

Die Schauburg vom Meerbach, wir kamen immer von dieser Seite über die Brücke
Die Schauburg vom Meerbach, wir kamen immer von dieser Seite über die Brücke

1967 und 1968 verstaubte die Weltmeister im auch nicht mehr genutzten Schweinekoben, die Hollywoodschinken interessierten mich weniger, Hans-Georg Moré hatte die Schauburg gepachtet und die Gaststätte im Gebäude in eine Diskothek verwandelt, meine Sonntagnachmittage verbrachte ich jetzt dort, der Samstagabend war anderen Orten vorbehalten, Schlaghosen mit Umschlag in Fischgrät, mein Tanz wurde zur Balz, wenn ich mich hintüber beugte, konnte ich meine Schultern wenige Zentimeter über dem Boden schweben lassen und meinen gefürchteten 30-Sekunden-Schrei – handgestoppt – ausstoßen, als mir dann jemand dabei einen Packen Bierdeckel in den Mund stopfte, um mich zum Schweigen zu bringen, ließ ich es doch lieber wieder.

Diskjockey war Günter Messe, bekannt geworden durch einen mißlungenen Versuch, am zweiten Tag abgebrochen, für das Guinness-Buch den Weltrekord im Plattenauflegen zu brechen, seine Karriere war dahin, später sah ich ihn dann noch einmal, im AKI im Hauptbahnhof Hannover an der Kasse, wie ein abgelebter ausgebleichter Zuhälter mit seiner Blondmähne. Manchmal traten auch ausrangierte Hitparaden-Bands auf, die Equals vor gezählten fünf Zuschauern, im Kino konnte man rauchen und trinken, »Die linke und die rechte Hand des Teufels« und »Spiel mir das Lied vom Tod« in Kneipenatmosphäre.

Die Diskothek lief nicht mehr so recht, der gelernte Koch Moré verwandelte sie 1971 in das erste China-Restaurant der Stadt, Ente süß-sauer und Chop Suey wurden auch während der Vorstellungen im Kino serviert, nichts für mich, diese Kombination, sie brachte wohl auch nicht den gewünschten geschäftlichen Erfolg, denn nach der Spätvorstellung eilte Hans-Georg Moré mit seiner Frau in die Bodega-Bar, um dort als »Karin & Georg« eine Sex-Live-Show abzuliefern. 1974 gelangte das Grundstück in den Besitz der Stadt, die es an das Deutsche Rote Kreuz verschenkte, damit dort ein Altenheim gebaut wurde. Moré sammelte mehr als 7000 Unterschriften für den Erhalt dieser Kulturstätte, die 150 Jahre als Theater und Kino gedient hatte, vergeblich, am 1. Februar 1977 wurde das Gebäude abgerissen.

1977 wurde die Schauburg abgerissen, um Platz für das DRK-Altenheim zu machen
1977 wurde die Schauburg abgerissen, um Platz für das DRK-Altenheim zu machen

Lichtspiele

Die Lichtspiele in der Langen Straße 55, zwischen der Spielwarenhandlung Twele und dem Kaufhaus Jensen, wenn ich mich recht entsinne, waren das älteste Kino Nienburgs und bestanden von 1912 bis 1968. Antonionis »Die drei Gesichter einer Frau« mit der Ex-Kaiserin Soraya als Hauptdarstellerin, Teshigaharas »Die Frau in den Dünen« und Jess Francos »Nachts, wenn Dracula erwacht« mit Christopher Lee als Dracula und Klaus Kinski als Renfield habe ich dort gesehen, als im letzteren Film kurz vor Schluß Harker und Morris die drei weiblichen Vampire pfählen, erschien mir das so lächerlich, daß ich laut loslachte, das gesamte Kino, 200 Plätze, nur zu einem Drittel besetzt in der Nachmittagsvorstellung, lachte mit, der Grusel war aufgehoben.

Die Lichtspiele in der Langen Straße 55 im Jahr meiner Geburt
Die Lichtspiele in der Langen Straße 55 im Jahr meiner Geburt

Film-Eck

Nienburgs größtes Kino, jetzt ein »Kino-Center« mit drei Kinos, Karl-May-Filme, James Bond, später in den 1980ern dann jedes Jahr im Sommer »Blues Brothers« in einer Spätvorstellung in Kino 3, in diesem Kino 3 lief auch der einzige Film, aus dem ich wieder rausgelaufen bin, Tinto Brass‘ Caligula, Peter Etzold als Althistoriker hatte mich hineingelockt, aber nach ungefähr einer Viertelstunde, die Sex-Szene mit dem Hengst, kamen wir überein, uns diesen »ahistorischen Kolportage-Scheiß« nicht länger anzutun.

Das Film-Eck in Nienburg/Weser
Das Film-Eck in Nienburg/Weser

Noli (Nordertor-Lichtspiele)

Das jüngste und kurzlebigste Kino in Nienburg: ein halbwegs spannender und lustiger Fuzzy-Film an einem Sonntagnachmittag, »Zur Sache, Schätzchen«, »Nicht fummeln, Liebling« und, zweimal, weil so beeindruckend, Polanskis »Rosemaries Baby«, den Roman von Ira Levin gleich hinterher.

Birke (Minden)

Die Birke in Minden
Die Birke in Minden

In der Zeit in der Jägerkaserne in Bückeburg sind wir manchmal nach Minden ins Kino gefahren. H. W. Geißendörfers Jonathan in der Birke war eines meiner beeindruckendsten Kinoerlebnisse, vor allem die Kamera, Bilder, die umhauen, elfengleiche böse Wesen umtanzen eine an einen Baum gefesselte Frau und schlagen sie aus der Bewegung heraus sonderbar elegant mit kurzen Stricken (?), bei der Schlußszene am Meer erhoben wir uns aus den Sitzen und genossen die Bilder im Stehen.

Einmal wollten wir auch in das andere Kino in der Fußgängerzone, »Flucht in Ketten«, doch wir schafften es nicht pünktlich, außer uns hatte niemand den Weg in diesen Klassiker gefunden, sie wollten schon zusperren, verkauften uns aber noch vier Karten, warfen den Projektor wieder an und zeigten uns nur den Hauptfilm.

Apollo (Hannover-Linden)

Donnerstag, 1. Februar 1973, in der Halle 52 bei Telefunken in Empelde, jemand hatte eine Hannoversche Allgemeine mitgebracht und ich griff mir in der Frühstückspause die Seiten mit den Kinoanzeigen. Zu meiner Verblüffung zeigte das Apollo in Linden zur Abwechslung keinen Sexfilm, sondern Stanley Kubricks »2001: Odyssee im Weltraum«. Da mußte ich rein. Was ich erst später erfuhr: Mit diesem Tag hatte Henk ter Horst, der Besitzer des Apollo, die Programmgestaltung in Hände des Studenten und Filmliebhabers Achim Flebbe gelegt und der verwandelte das Apollo in eines der ersten Programmkinos Deutschlands.

Ich sollte noch oft hingehen, erinnere mich aber kaum noch an einzelne Filme, an einen aber umso besser, an Polanskis »Macbeth«, eine absurde Vorstellung, der Vorführer war betrunken und zeigte die Rollen in falscher Reihenfolge, Heiterkeit und fröhlicher Applaus, das Publikum wurde in die Kneipe nach nebenan geschickt, nach einer halben Stunde ging es mit einem neuen Vorführer weiter, weiter Gejohle und Pfiffe, kaum jemand konnte den Film mehr als Tragödie anschauen, ich bis heute nicht.

Das Apollo in Hannover-Linden 1973
Das Apollo in Hannover-Linden 1973

Filme außerhalb des Sex- und Klamaukschrotts konnte man in meiner hannoverschen Zeit (1973 – 1974) noch im Kino im Anzeiger-Hochhaus (man mußte mit dem Fahrstuhl mehrere Stockwerke hoch) sehen. Luis Buñuels »Der diskrete Charme der Bourgeoisie«, Bertoluccis »Der letzte Tango in Paris«, Ferreris »Das große Fressen«, Louis Malles »Herzflimmern« (da saßen der niedersächsische Kultusminister Peter von Oertzen und seine Frau direkt hinter mir).

Manchmal hatte ich in dieser hannoverschen Zeit so große Lust auf Kino, daß ich einen Tag Urlaub nahm oder mich krank meldete, um an diesem Tag so viele Filme wie irgend möglich zu sehen, mein Rekord waren fünf Filme hintereinander, angefangen mit einer Vormittagsvorstellung in einem Kino am Steintor, »Sie nannten ihn Plattfuß« mit Bud Spencer, abgeschlossen mit der Spätvorstellung im Gloria-Center in der Georgstraße 52, Peter Bogdanovichs »Die letzte Vorstellung«, sehr passend und bis heute einer meiner Lieblingsfilme.

AKI Frankfurt

Eines der aufregendsten Wochenenden meines Lebens. Als popeliger Schülerzeitungsredakteur unterwegs zu einem Juso-Journalistenkongreß in Frankfurt mit lauter Profis, vorher aber Kurzbesuch beim Schriftsteller Hans Frick, vermittelt durch Bettina George, bei der ich damals Schultheater spielte, als Lektüre mitgegeben einen Vorabdruck seines neiuen Romans »Henri«, so etwas deftig Direktes hatte ich noch nicht gelesen, Durchstechen der Hoden mit einer heißen Stricknadel zwecks allerletzten Lustgewinns, auf dem Kongreß, man müsse »vorsichtig« agieren, beschlossen wurde die »kalte Enteignung« der Verlegerkapitalisten durch die Hintertür, ein Rhetorikfurz, wußte ich aber damals noch nicht, fühlte mich nur großartig in dieser Gesellschaft, besonders, als mich Norbert Gansel und Karsten Voigt, stellvertrender und Bundesvorsitzender, in dessen Daimler zum Bahnhof kutschierten.

Jedenfalls hatte deshalb ich noch viel Zeit, bis mein Zug fuhr, im AKI am Bahnhof lief Polanskis »Tanz der Vampire«, ich ging hinein, die Szene, in der Ferdy Mayne als Graf von Krolock auf dem steinern Balkon nur ganz kurz die Vampirzähne fletscht und sich dann wieder im Griff hat, gefiel mir so gut, daß ich für weitere zwei Vorstellungen sitzen blieb und in dieser Zeit drei Züge verpaßte: nur für diese ein Szene.

Veröffentlicht unter Nonfiction | Ein Kommentar

Ein Nazi-Studienrat

Tweet vom 13. November 2012

Der Lehrer, dessen Eintrag und Unterschrift mein Bruder (später studierte er Kommunikationsdesign und arbeitete in Agenturen) perfekt fälschte, war Studienrat Osteneck, Mathematik und Sport, der einzige aus dem Kollegium, der explizit nationalsozialistische Positionen vertrat, und Schüler, die den Felgaufschwung nicht schaffen wollten, schon einmal die »Zauberschnur« (= Tauende) schmecken ließ.

Tweet vom 13. April 2015

1965: Erster Samstag nach den Sommerferien. Dr. Schaller war krank und Osteneck mußte ihn in Deutsch vertreten, eine Gelegenheit, die er nutzte, die gesamte Gegenwartsliteratur als unterhalb der Gürtellinie angesiedelten »Schmutz« niederzumachen und sich dabei noch in einer Linie mit Bundeskanzler Ludwig Erhard zu wissen:

    „Wir wollen darauf verzichten, in unserem Wahlkampf die Blechtrommel zu rühren … Ich kann die unappetitlichen Entartungserscheinungen der modernen Kunst nicht mehr ertragen. Da geht mir der Hut hoch.“

    (Bundeskanzler Ludwig Erhard auf dem Landesparteitag der baden-württembergischen CDU am 29. Mai 1965 in Ravensburg)

    „Nein, so haben wir nicht gewettet. Da hört der Dichter auf, da fängt der ganz kleine Pinscher an.“

    (Bundeskanzler Ludwig Erhard vor dem Wirtschaftstag der CDU/CSU in Düsseldorf am 9. Juli 1965)

    „Ich muß diese Dichter nennen, was sie sind: Banausen und Nichtskönner, die über Dinge reden, von denen sie einfach nichts verstehen … Es gibt einen gewissen Intellektualismus, der in Idiotie umschlägt.“

    (Bundeskanzler Ludwig Erhard am 11. Juli 1965 im Kölner Gürzenich vor der 11. Bundestagung der Sozialausschüsse der Christlich-Demokratischen Arbeiterschaft)

    „Günter Grass ist ein Schwein.“

    (Studienrat Osteneck 1965)

    Aber sowohl die Schmähungen des Bundeskanzlers als auch die Schimpftiraden Ostenecks erreichten bei uns genau das Gegenteil, schlimmer noch, Ostenecks Schilderungen der Onanierszenen aus ´»Katz und Maus« und der Brausepulverszene aus der »Blechtrommel« weckten unsere Neugier so, daß wir sofort nach Schulschluß loszogen, uns diese Werke im Buchhandel zu besorgen, und Günter Grass bei mir für Jahrzehnte positiv besetzt war.

    Tweet vom 24. September 2014

    Erste Stunde. Mathematik. Osteneck saß direkt vor meiner Nase mit dem Rücken zu mir auf meinem Tisch, ein Zeigestock in seiner Hand, mit dem er hin und wieder in Richtung Tafelbild wedelte, und erklärte irgendwelche Graphen, ein Stück Kreide flog in seine Richtung, ich fing es auf, ehe es ihn treffen konnte, ging meinem Impuls nach und malte ihm vorsichtig ein Hakenkreuz hinten auf sein Sakko, Pfeffer und Salz, seiner Gesinnung entsprechend in Brauntönen. Zu meinem Glück merkte er nichts und hatte das Hakenkreuz auch noch auf dem Rücken, als er nach der sechsten Stunde die Schule verließ. Niemand im Kollegium hatte ihn darauf aufmerksam gemacht.

    Veröffentlicht unter Nonfiction, Uncategorized | Schreibe einen Kommentar

    Joey und Rex

    Als Joey Ramone eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einer Rex-Gildo-Musikkassette verwandelt.

    Veröffentlicht unter Bagatellen | Schreibe einen Kommentar

    Ratschlag

    Beim Wäscheaufhängen an beiden Ende der Leine und zwischen den Stücken kleine Zeitportionen befestigen. Das beschleunigt den Trockenprozeß.

    Veröffentlicht unter Bagatellen | Schreibe einen Kommentar

    Idyll

    Endlich darf sich der deutsche Gartenzwerg wieder als Krone der Schöpfung begreifen.

    Veröffentlicht unter Bagatellen | Schreibe einen Kommentar

    Blutdurst

    Auf der Hüpfburg fühlte sich Graf von Krolock plötzlich wieder jung und vergaß für ein paar Minuten, daß er schnell frisches Blut brauchte.

    Veröffentlicht unter Bagatellen | Ein Kommentar

    Segensreich

    Nur lobende Worte für diese Einrichtung fand Pfarrer Leitmayr von der Pankratiusgemeinde nach dem Besuch des Bordells in der Erlauer Straße.

    Veröffentlicht unter Bagatellen | Schreibe einen Kommentar

    Ausgrabungscafé

    Weiße Wände, weiße Tischdecken, weiße Gedecke, weiße Lilien, ein weiß angestrichenes Fahrrad mitten auf dem Tisch; der Bräutigam in Weiß, die Braut in Schwarz, Jagdhornbläser in Lodengrün, blond gefärbte Haare, Sonnenbrillen auf den Nasen; Halali, die Braut ist tot, die Hatz zu End, grölt die Gesellschaft.

    (Gruselkabinett)

    Irina stößt mich unter dem Tisch an.

    Das soll eine Hochzeit sein? Laß uns verschwinden.

    (Schulterzucken)

    Das Essen nehmen wir noch mit.

    Hühnersuppe mit Einlage, dreierlei Fleisch, dreierlei Kartoffeln, fünferlei Gemüse, Eis mit heiß.

    Einen Kaffee zur Verdauung?

    (der Ober mit der weißen Weste)

    (noch ein Tritt gegen meinen Knöchel)

    Jetzt aber los!

    Wohin?

    Zum Ausgrabungscafé, da ist viel schöner und wir sind für uns.

    (unschlagbares Argument)

    Wo soll das sein?

    Am Osterberg. Kennst du doch.

    Da ist nur Sand.

    Du wirst schon sehen.

    Muß i denn, muß i denn, zum Städele hinaus, die Lodengrünen, als wir die Gesellschaft verlassen, Gejohle und Schenkelklopfen hinter uns her.

    Der Osterberg, ein Hügel, vielleicht zehn Meter hoch, ein Steilhang aus Sand, auf der Kuppe wachsen noch Kiefern, abgenagtes Wurzelwerk bloßgelegt, das Gelände unten eingezäunt, grau-morsche Pfähle, verrosteter Hühnerdraht, eine Baracke inmitten schmutzig gelbbraunen Sands, an der Tür ein Pappschild: AUSGRABUNGSCAFÉ in Großbuchstaben.

    Auf halber Höhe am Hang rüttelt ein alter Mann im Glitzeranzug Sand durch ein Gärtnersieb.

    (Bukowski? Burroughs? Beuys?)

    Triumphierend winkt er uns mit drei Flaschen, die er zwischen den Fingern seiner rechten Hand eingeklemmt hat.

    Ho, ho, ho! Gerade rechtzeitig.
    Es hat sich wieder mal gelohnt.

    Irina winkt zurück.

    Gehen Sie schon mal rein.

    Drinnen rohe Bretterwände, zwei Tische mit chinesischen Flaggen als Decken, der Wasserkessel pfeift, eine Theke aus Sägeböcken und Schalbrettern, drei Blechtassen, drei Schnapsgläser, eine Colaflasche, ein Glas mit Instant-Kaffee, ein zum Dach geknicktes Pappschild: BITTE! die Ausstellungsstücke nicht berühren!

    Die Wände übersät mit ausgestanzten weißen Plastikfiguren, flache Reliefs, Tierund Menschenskelette, einzelne Knochen, Totenschädel, Genitalien, eine Guillotine, ein Galgen, eine Kalaschnikow, Molotow-Cocktails, Porträts: Marx, Engels, Lenin, Bakunin, Stirner, Reich, Bessie Smith, Screamin‘ Jay Hawkins, Judy Henske, Howlin‘ Wolf, Kinski mit der Peitsche, Isabelle Huppert; und kopulierende Paare, immer wieder kopulierende Paare, in allen Stellungen, die sich die Menschheit seit Anbeginn der Zeit ausgedacht hat.

    Nur für uns.

    (mit einem Lächeln wie die Mona Lisa)

    KönnenSe kaufen, siebenundneunzig fünfzig pro Stück.

    (ratloser Blick in den Leerraum zwischen Guillotine und Galgen)

    (für diesen Plastikramsch?)

    Wollen Sie mich beleidigen? Das habe ich alles eigenhändig ausgebuddelt, mühsam dem Sand der Zeit entrissen.

    (du kannst mir viel erzählen)

    Das ist Kitsch, schlimmer als Kuckucksuhren und Plastikgeschirr aus der Ukraine, Figuren, Abbilder nur, ebenso wie die Pfeife auf dem Bild von Magritte keine Pfeife ist, nur das Bild einer Pfeife; eine Plastikwelt, billiger Ersatz für die wirkliche und für das Leben. Spielzeug. Müll.

    (Tadel im Blick des Alten)

    Haben Sie schon mal eine angefaßt?

    (will der mich verarschen?)

    Die können mit Ihnen sprechen, oh, ja, sich Ihnen mitteilen, in Ihnen lebendig werden, ein Klotz, der das nicht spürt … fahren Sie mal mit den Fingerkuppen drüber, sanft und zart … dann schwingt es aus diesen Artefakten in Sie hinein; wie damals, als sie in der Krähe auf dem Findling gesessen und die heiße Lava an Ihren Arschbacken gespürt haben, aus der er geboren wurde.

    (woher wußte er?)

    … genau, Vibrations, Alter, Vibrations, Sie erinnern sich doch noch?

    (nur zu gut)

    Es ist wie in einem Roman, den sie lesen – Sie lesen doch? – da teilen sich Ihnen die Figuren durch die Schriftzeichen mit, beginnen, in Ihnen lebendig zu werden.

    (jetzt trägt es den Alten aber komplett aus der Kurve)

    Hier, kommen Sie, erspüren Sie es, eingefangen für Sie allein aus dem Sand der Zeit … na, bereit sie zu befragen? … los, nur drei Schritte … keine Bange, sie beißen nicht.

    (was soll der Zirkus?) (was bezweckt er damit?)

    Ah! Berührungsängste. Allergisch gegen sich selbst?

    (kneif mich, kneif mich, dann zerstiebt das alles hier und es bleibt nur dieser schale Geschmack im Mund)

    Na, los!

    (warum stehe ich jetzt eigentlich auf?)

    Stopp! Erst zahlen! Siebenundneunzig fünfzig pro Figur.

    Der Alte hält mir eine leere Blechbüchse hin, Ravioli in Tomatensoße. Ich setze mich wieder.

    Vielleicht erst mal einen Kaffee?

    Irina nickt und lächelt.

    (die himmelt ihn tatsächlich an)

    Der Alte schraubt das Glas auf, einen gehäuften Teelöffel in jede der Blechtassen, schüttelt den Kopf, noch einmal je eine Löffelspitze dazu, gießt mit sprudelnd kochendem Wasser auf.

    So. Sieben fünfzig pro Tasse, macht zweiundzwanzig fünfzig zusammen.

    (dafür?)

    Ja. Kaffee ist grundsätzlich Pulver in Wasser gerührt.

    (Kaffee, gute Güte, billigste Instantplörre vom Aldi und für den Alten soll ich auch noch mitbezahlen)

    Schampus ist leider aus, junger Mann, das wäre hier und jetzt gerade so eben angemessen für die Dame und Sie, da stimmen Sie mir doch zu, oder?

    (wieviel der wohl bei ihm kostet?)

    Ich kann Ihnen noch das Arno-Schmidt-Gedeck anbieten: Glas Cola mit drei Teelöffeln Kaffee verrührt und einen doppelten Alte Kanzlei dazu, vorhin nur für Sie ausgebuddelt, der macht müde Männer munter.

    Er hebt triumphierend drei Flaschen in die Höhe.

    Siebzehn fünfzig pro Gedeck; ich nehme natürlich auch eins.
    Oder für jeden von uns eine Flasche Müller-Thurgau, wie ihn Bukowski damals achtundsiebzig in Hamburg gesüffelt hat.

    Er hält mir dieselben leeren Flaschen vor die Nase.

    Besonders rar. Nur achtundvierzig achtundneunzig pro Flasche.

    Jetzt ist aber Schluß. Endgültig. Mir Plastik-Kitsch als Welt andrehen wollen, dazu diese Plörre und Billigfusel zu Mondpreisen wie im Sternerestaurant; wenn Sie reich werden wollen, machen Sie doch in Bitcoins.

    Nun aber halblang, junger Mann, ich reiß mir hier den Arsch auf für Sie und buddele und buddele und siebe und siebe und Sie …

    Er japst.

    Sie wollen alles umsonst. Gratiskultur. KönnenSe haben. Alles hier. Den ganzen Klumpatsch. Ohne einen Pfennig dazu zu bezahlen. Ich lasse Ihnen alles hier und gehe. Dann sind Sie der Gelackmeierte.

    Er wiehert.

    An diesen Ort gefesselt, bis der nächste kommt.

    Er zieht sich den Glitzeranzug aus. Feinripp mit langen Unterhosen darunter.

    Der gehört dazu. Viel Vergnügen noch.

    Er läuft lachend aus der Baracke, mit federnden Schritten den Hang hinauf und verschwindet zwischen den Kiefern. Irina rennt hinterher, lachend, wirft ihre Kleidung von sich, mit einem Hechtsprung in den Sand und wühlt sich ein.

    Na, los, grab mich aus; deshalb sind wir doch hier.

    Veröffentlicht unter Kurzgeschichten | Schreibe einen Kommentar

    Luis Trenker

    Einmal haben wir oben eine Gemse gesehen und sind den Berg hinauf. Aber aus der Nähe war es nur ein Stück Käse. War das ein Abenteuer.

    Veröffentlicht unter Bagatellen | Schreibe einen Kommentar

    Gedanken eines alten Mannes beim Scheißen

    »Ein Klo kann eine Heimat sein«
    (zu singen nach der Melodie von Rainer Pietsch)
    (die deutscheste aller Hymnen, die je auf einem Grand Prix geschmettert wurde)

    »Ein Scheißhaus kann eine Heimat sein.«

    Das hat keinen Rhythmus und keine Melodie. Das kann man nicht singen. Das ist Alltagsprosa. So lapidar wie möglich zu sprechen. Nebenbei. Wie die Verrichtung.

    SCHEISZHAUS, Schithus, Neutrum, Kloake, Merdatorium, Tristega Forica; wofür die verhüllenden Ausdrücke Abort, Abtritt, in älterer Sprache heimliches Gemach, oder nur das Gemach, Sekret, Privet, heimlicher Ort und ähnliches üblich sind, in neuerer Sprache WC, Toilette, Klosett, Klo.

    Mein Vater sagte nie Klo, nur Scheißhaus, einfach Scheißhaus; vielleicht noch, wenn Besuch da war: wo der Kaiser zu Fuß hingeht.

    Durch die Waschküche hindurch links hinter dem Schweinekoben und dem Verschlag für unsere zehn Hühner, das linke Nest der Lieblingsschlafplatz unserer Katze Elke: das Plumpsklo mit einer Jauchegrube dahinter. Rechterhand ein Gang: ein Meerschweinchenkäfig, Fahrräder, ein Anhänger, das Moped meines Vaters, eine rote NSU-Weltmeister; einen halben Meter hinunter ein ehemaliger Stall für ein oder zwei Kühe, in dem Torf, Brennholz und Briketts lagerten und der Schäferhund angebunden war

    Immer, wenn jemand »Scheißhaus« sagt, wird mir warm ums Herz. Das ist der Klang der Heimat in der Heimat: die Abgeschiedenheit, das Dritteldunkel, die von keinem Desinfektionsmittel verätzten vertrauten Gerüche, vom ausgeblichenen Holz des Sitzes mit seinen von der Zeit abgerundete Kanten, von den Zeitungsfetzen, die als Arschabwisch dienten.

    Rodrigo Borgia, besser bekannt als Alexander VI:, genoß den Luxus eines Bediensteten, der dieses Geschäft an ihm per manum erledigte.

    Rabelais behauptet in »Gargantua und Pantagruel«, es gebe keinen besseren Arschwisch als ein flaumiges junges Gänschen: »… wenn man es nämlich so faßt, daß ihm der Kopf zwischen die Beine zu liegen kommt. Ihr könnt mir das auf Ehre und Gewissen glauben. Die Weichheit des Flaums wie die natürliche Wärme des Tiers tun dem Arschloch ganz besonders wohl, welches Gefühl sich dann sofort dem Mastdarm und den übrigen Eingeweiden mitteilt und von da zu Herz und Hirn weiterdringt.«

    Gegenüber diesen beiden dekadenten Varianten hatten die Zeitungsfetzen auf unserem Plumpsklo einen gewaltigen Vorteil: ich konnte sie lesen.

    Alte Zeitungen landeten bei uns auf dem Scheißhaus oder zum Anmachen im Kohleofen; das tat mir in der Seele weh, weg, hinüber, jede Zeile, die ich noch nicht gelesen hatte, für immer in Rauch aufgegangen, perdu, mir ein für alle Mal vorenthalten; ich mußte schneller sein, wenn ich auf dem Klo saß, erst einmal alles lesen, ertrank es in der Jauchegrube, war es zu spät.

    »Den ganzen Tach aufm Scheißhaus sitzen und lesen. Was soll aus dem Jungen bloß werden?«

    Meine Sozialisation als Leser hat sich auf dem alten Plumpsklo hinterm Hühnerstall abgespielt, sie begann Ende März 1956, zwei Wochen vor meinem ersten Schultag. Die Fibel lag auf dem Küchentisch, Hans und Lotte, mein Vater mußte mich in das Geheimnis der Zeichen einführen, die Geschichten erzählen konnten, ich quengelte, bis er es tat.

    Von diesem Tag an las ich alles, was mir in die Finger kam, Haferflockenpackungen, die Rundfunkzeitung, Hören und Sehen, die Bücher vom Lesering im Bücherschrank. »Wie Feuer unter meinen Nägeln« hieß der Fortsetzungsroman in der Hören und Sehen, den ich nicht lesen sollte, ich sei noch zu jung dafür, so etwas entschied meine Mutter, das beflügelte mich erst recht. Von da an nahm ich alles, was eventuell nicht altersgemäß sein konnte, mit aufs Scheißhaus und las es da – in aller Ruhe.

    Meine Eltern sortierten die Bücher, die ich nicht lesen durfte und die gerade deshalb meine Neugier weckten, nach unten rechts im Schrank außerhalb des Sichtfelds der Türverglasung: Norman Mailer, Die Nackten und die Toten, Remarque, Im Westen nichts Neues, Dantes Göttliche Komödie, mit der konnte ich mit neun oder zehn noch nichts anfangen, bei den anderen nicht verstehen, warum sie nichts für mich sein sollten.

    So wurde das Scheißhaus der Ort, an dem sich mir die wirkliche Welt öffnete, die erbärmliche, die Niederungen, wo man knietief watet, manchmal bis zum Hals, in dem Unflat, aus dem sie geformt wurde, diese Welt.

    Die Selbstverwirklichung des Menschen kann es nur auf dem Klo geben. Es  darf aber niemand gegen die Türe wummern und die Muße stören.

    Rex Gildo stürzte sich aus dem Fenster, als die Polizei an die Lokustüre pochte und ihn aufforderte, aufzumachen, ich gehe regelmäßig in die Luft, wenn ich gerade gemütlich dasitze, vor mich hin sinniere und irgendjemand wagt es, zu klingeln.

    Etzold schiß damals grundsätzlich nur bei offener Tür und unterhielt sich mit der gesamten WG, gut, der ist kein Maßstab, der hat inzwischen Sarrazin auf dem Nachttisch liegen und schickt mir regelmäßig Videos mit irgendwelchem Verschwörungskram. Überhaupt, gemeinschaftliches Scheißen, auf dem pfadfinderischen bzw. soldatischen Donnerbalken, dabei auch noch zu rauchen oder einen Joint kreisen zu lassen und Latrinenparolen zu verbreiten, das ist nichts für unsereinen.

    Negotium conficere, sein Geschäft verrichten, heißt es auf Lateinisch. Im alten Rom waren öffentliche Latrinen üblich, wo die Toilettengänger in geselliger Runde zusammensaßen und gemütlich miteinander plauderten. Für die Oberschicht gab es spezielle Luxuslatrinen inklusive Marmorsitzen und Fußbodenheizung. In dieser Atmosphäre hat man nicht nur sein großes oder kleines Geschäft verrichtet, sondern auch echte Geschäfte untereinander abgeschlossen.

    Von mir aus kann das alles auch mit Flokati oder goldenem Vlies ausgelegt sein und vestalische Jungfrauen mit flaumigen Gänschen den Hintern putzen, ich ziehe Ruhe und Abgeschiedenheit vor. Dann kann das Scheißhaus auch ein poetischer Ort sein.

    Kacheln können keine Heimat sein.

    Nein, geflieste Wände und Böden, das glatte Porzellan der Wasch- und Toilettenbecken, der Geruch parfümierter Reinigungsmittel umschließen keinen poetischen Ort. Sitzen, einfach sitzen, vor mich hin und in mich hinein sinnen, das konnte ich wirklich nur auf dem alten Plumpsklo hinter dem Schweinekoben und dem Hühnerstall.

    Einen Schlagertext habe ich dort geschrieben, meine Oma aus Arizona, wer kennt sie nicht, sämtliche Goldmedaillen bei den Olympischen Spielen in Rom gewonnen, einen Maoistischen Brüderbund gegründet, der die Bundestagswahlen 1965 gewinnen sollte, meine Flucht in die Tschechoslowakei geplant, Schauspieler wollte ich dort werden.

    Das Schwein wurde jedes Jahr geschlachtet, bis die Koteletts bei Mönchs Karl so billig wurden, daß es sich nicht mehr lohnte, das Meerschweinchen lag eines Morgens tot im Käfig, die Hühner wurden von Gänsen platt gesessen, der Schäferhund biß mir in Kopf, als ich ihm seinen Freßnapf brachte und wurde heimlich eingeschläfert, die Katze vom Vermieter, dem Kreisjägermeister, lachend erschossen. Die Kate selbst wurde vor einem Jahrzehnt abgerissen, von allen Möbeln darin überstand einzig der Bücherschrank alle Umzüge, zuletzt nicht mehr im Wohnzimmer, aber immer noch voll mit Büchern, Schuhkartons mit Fotos, abgeheftetem Schriftverkehr und anderen Erinnerungsstücken, nach dem Tod meiner Mutter hatte niemand Platz für ihn und er landete im Container.

    Als die zweite Halbzeit meines Lebens angepfiffen wurde, war ich gerade auf dem Klo, vertieft in Max Goldts Titanic=Kolumne. Ich gebe zu, auch nach dem Wegzug aus der Kate habe ich auf abweisend kalt gekachelten Toiletten gelesen und mache das auch heute noch, am liebsten die Briefe an den Leser und die Humorkritik, die erledigten Fälle und Max Goldts Kolumne gibt es ja schon lange nicht mehr, aber es ist weit, weit entfernt vom Lese- und Gedankenparadies des guten alten Plumpsklos.

    Veröffentlicht unter Nonfiction | Schreibe einen Kommentar