Der abgeschlossene Roman

Der abgeschlossene Roman

Nach drei Schritten riß sein Schnürsenkel. Erschöpft setzte er sich auf die Bank und trank die Flasche Steinhäger vollends aus.

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Goldsaft

»Guten Morgen«, knurrte Onkel Gerd, hämmerte auf den Blecheimer mit Grafschafter Goldsaft ein, bis der Rübensirup gegen den Küchenschrank spritzte, und befahl:

»Ablecken!«

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Steinitz, Gott und ein falscher Hauptmann

Seit nunmehr einhundertfünfundzwanzig Jahren sitzt der Schachweltmeister Wilhelm Steinitz in seinem Schmollwinkel und ist böse auf Gott, weil der sich trotz des großzügigen Angebots, ihm einen Zug und einen Bauern vorzugeben, standhaft weigert, auch nur eine einzige Partie gegen den Erfinder der Telefonie ohne Drähte und Apparate zu spielen, und lieber den Schuhmachergesellen und Hochstapler Friedrich Wilhelm Voigt beim Offiziersskat ein ums andere Mal über den Tisch zieht.

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Geplatzter Traum

Wie eine Runkelrübe,
die aufs Pflaster schlägt,
zerplatzt der Traum,
wenn der Wecker schrillt.

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Die Toilettenfilme – ein Beitrag zum Welttoilettentag

Eines Nachmittags vor 52 Jahren stand plötzlich ein nagelneues schneeweißes Toilettenbecken mitten in unserer Küche und ein halbes Dutzend junger Menschen darum herum. Unsere Küche war wunderbar groß und diente uns damals besonders an den Wochenenden als eine Art Jugendzentrum und Ausgangspunkt unserer politischen und sonstigen Unternehmungen. Schaumi und Otto hatten das Toilettenbecken an einer Baustelle entdeckt und in einem günstigen Augenblick mitgehen lassen. Sie wußten auch schon, was wir damit anstellen sollten, eine Serie von Toilettenfilmen drehen nämlich: das Toilettenbecken als Waschschüssel, als Bowlengefäß, als Blumenvase, als Suppenterrine beim Heiligen Abendmahl, als Schale, in der das olympische Feuer entzündet wurde, es waren ja gerade olympische Spiele in München, insgesamt neun Episoden fielen uns ein.

Mit irgendwelchen Planungen oder detaillierten Festlegungen hielten wir uns damals nie lange auf, sondern schritten lieber sofort zur Tat. Ich packte meine Kamera ein, eine veraltete Eumig Normal-8 mit einem hellblauen lederartigen Kunststoffbezug, die man noch aufziehen mußte, damit sich der eingelegte Film drehte. Die hatte ich für weniger als fünfzig Mark gebraucht bei einem Fotohändler in Bückeburg gekauft. Auf dem Weg in die Feldmark besorgten wir, was wir sonst noch für die Außenaufnahmen brauchten: Rucksackriemen, eine Fackel und eine Flasche Brennspiritus nebst drei Komparsen, die uns zufällig über den Weg liefen.

Für die Wandertoilettenepisode schnallte sich Schaumi das Becken wie einen Rucksack auf den Rücken, lief ungefähr zwanzig Meter im Wanderschritt über einen Acker, hielt an, schnallte das Toilettenbecken ab, zog die Hosen herunter, setzte sich eine Weile auf das Becken, stand wieder auf, zog die Hosen wieder hoch, schnallte sich das Becken wieder um und lief weiter. Wirklich zu scheißen wagte er nicht, weil wir Toilettenpapier und Wasser zum Spülen vergessen hatten.

Weiter ging es in dem kleinen Wäldchen auf der anderen Seite der Bahn. Manni I. mußte zuerst in seinem Fußballtrikot mit der brennenden Fackel in der Hand auf einen Trampelpfad einen kleinen Hügel hinunterlaufen, links und rechts flankiert von unseren Komparsen als begeistertes Publikum, in mehreren Einstellungen immer dieselben Komparsen, aber an anderen Stellen. Schließlich schafften wir das Toilettenbecken auf den Gipfel des Hügels und schütteten eine ordentliche Ladung Brennspiritus hinein. Manni mußte jetzt, wieder von den Komparsen flankiert, den Weg hochlaufen, und wurde dabei von mir von hinten gefilmt. Oben angekommen, stellte er sich rechts neben die Toilette und senkte die Fackel langsam hinein. Die Flamme loderte wirklich schön empor und war hinterher auch gut auf dem entwickelten Film zu sehen.

Leider hielt das Porzellanbecken die Hitzeentwicklung nicht aus und zersprang. Das Toilettenfilmprojekt lag in großen Scherben und wir hatten noch das Glück, keinen Waldbrand entfacht zu haben. Schade. Es war eine so schöne Idee.

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esprit

die worte verschlingen
den spiritus ausspucken
den verstand wiederkäuen

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Night On Earth

Immer ist irgendwo auf der Welt Nacht, anderswo geht jemand hinaus, die Welt zu retten, und ein anderer kommt sturztrunken davon nach Hause.

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Bratwurstprosa

1
Das Gute, Wahre, Schöne,
wo ist es geblieben?
Im Fett, das aus der Bratwurst trieft?
Oder in der Hundescheiße unter meinem Schuh?

2
Von der Bratwurst tropft das Fett auf die Hose. Werner rülpst. Durch seine leicht geöffneten Lippen sprüht er etwas Brät zurück in die Welt.

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Wirtschaftskompetenz

»Zur Linde«, »Weserfähre«, 800 Meter weiter »Sandkrug«, »Zur Post« und »Ochsentränke«: wirtschaftsmäßig konnte man früher bei uns im Dorf noch was lernen.

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Kongruenz

Es kam, wie es kommen mußte. Kirchmanns Erich wurde seiner Frau von Tag zu Tag ähnlicher. Bis er sich eines Nachts mit ihr verwechselte und im Schlaf über sich herfiel.

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